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Ohne festen Wohnsitz. Conny – Ein Nomade der IT-Branche
Ein Porträt von Astrid Reinberger/Text und Gunter Klötzer/Fotografie.
"Es fing 1996 an, daß ich in einen Bulli zog. Wegen meiner Scheidungsgeschichte. Zuerst dachte ich, daß das nur ein Übergang ist und daß ein nicht winterfester Bulli reicht. Das war ... ja ... wie gesagt 1996." Conny muß lachen.
Geschieden ist er längst, im Wohnwagen lebt er immer noch. Dieses Zuhause beschreibt Conny einmal als "Teil der Show", einmal als das "Innere seiner Seele." Es ist neun Meter lang, hat zwei Zimmer, Bad, Küchenzeile, Mikrowelle, Fußbodenheizung, Klimaanlage, Fernseher. Die rustikale Einrichtung ist mehr oder minder noch vom Vorbesitzer, nur an den Wänden hängen Connys Lieblingsbilder. Kunstdrucke von Miró. Conny Dittmann ist EDV Dienstleister und gehört mittlerweile zu jenen IT-Profis, die sich die Jobs aussuchen können. Er installiert im gesamten Bundesgebiet Verwaltungsprogramme, kümmert sich um Server, pflegt die Systeme.
Seine Karriere fing mit einer Ausbildung zum Masseur an. In einem Krankenhaus in Ostwestfalen. Dort hat er ein Anerkennungspraktikum gemacht. "Warum ich Masseur werden wollte, weiß ich gar nicht." Conny ist jemand, der immer "irgendwie" irgendwo "reinrutscht". Auf jeden Fall ist er in der Klinik irgendwie in die EDV-Abteil-ung gerutscht. Die Klinik wollte sich Software kaufen – so kam Conny in Kontakt mit einem seiner jetzigen Arbeitgeber, mit Gerd Dreske von einer Softwarefirma mit Sitz in Hannover. Man fand sich "gleichermaßen sympathisch und chaotisch." Dreske wollte ihn damals direkt abwerben. Conny beschloß, erst mal eine eigene EDV-Firma zu gründen. Der Erfolg ließ auf sich warten. Heute resümiert der Computerspezialist, er sei einfach "kein Vertriebler", käme "zu schnell in die technischen Details, die keinen interessieren." Zumindest nicht diejenigen, die Entscheidungen träfen. Er schlug sich so durch, meldete sein Gewerbe an und wieder ab. Nie hätte Conny vermutet, daß seine Vita theoretisch einmal in die Serie von IT-Erfolgsstories gehören könnte. In die Serie von Stories, die von High Performern handeln, die als Quereinsteiger innerhalb kürzester Zeit auf der Überholspur surfen und "an die Börse gehen". Mittlerweile könnte man seine Geschichte auf diese Klischees zuschneidern. Passen würden sie ihm dennoch nicht - Conny ist anders.
Er kam schließlich wieder mit Dreske zusammen, der ihn erneut bat, seinen "Arbeits-überhang" abzufangen. Daraus ist viel mehr geworden. Conny arbeitet seit fünf Jahren sehr erfolgreich als Subunternehmer und Unix-Experte vor allem für Dres-kes Firma Magrathea. Die Magrathea übernimmt die Akquise und Papierkram. Und Conny bleibt trotzdem sein eigener Chef. Eine ideale Lösung für jemanden, der Indi-vidualist ist und sich in einem nine-to-five Job wie ein Gefangener fühlt und deshalb lieber unbegrenzt arbeitet. Conny hat seine 40 Stunden Woche meistens schon am Mittwoch mittag erreicht.
Die Magrathea bietet Software-Lösungen für Kliniken an. Die Arbeitsabläufe und Ressourcen innerhalb des Klinikbetriebes werden damit optimiert. Das ist wichtig, denn es gilt, den jeweiligen Massenbetrieb so zu organisieren, daß der einzelne Patient nicht zu kurz kommt. Wenn in Kliniken ein Problem herrscht, muß gehandelt werden. Sofort. Conny ist rund um die Uhr erreichbar: "Das ist der Vorteil, den wir bei den Kun-den haben. Selbst wenn das Problem nicht in unserer Software liegt, sondern in der Hardware, die jemand anderes ausgeliefert hat. Wenn wir trotzdem sofort helfen können, dann stehen wir in der Show besser da als die Firma, die die Hardware geliefert hat und nicht erreichbar ist." Die Show ist ihm wichtig. Wenn er einen Kunden besucht, dann mit Schlips und Kragen. Und nur mit seinem Neun-Meter-Geschoß. "Das macht schon was her. Ich parke immer ziemlich direkt vor dem Eingang." Viele seiner Kunden sind zunächst irritiert. "Ich mag halt Kontraste" sagt Conny dazu und grinst: "Wenn ich mit so einem abgefahrenen Wohnwagen auftauche und dann einen Anzug anhabe – dann ist der Kontrast einfach maximiert und damit setzen die Leute sich damit einfach stärker auseinander." Conny hat seinen Wohnwagen zu einem mobilen Ersatzteillager umfunktioniert und so schon einige Kliniken vor dem System-Infarkt bewahrt: er hat einfach alles da, was man – im Notfall – braucht, um den Betrieb weiterlaufen zu lassen. "Ich hab‘ alles Mögliche im Auto. Ich kann beim Kunden vor Ort mit der Technik brillieren." Das schafft Akzeptanz und, noch wichtiger: Vertrauen – denn der Kunde braucht das Ge-fühl, daß er sich richtig entschieden hat.
Die IT-Branche schreit regelrecht nach Typen wie ihm. Heute Rostock, morgen Baden-Baden. Conny ist der perfekte Dienstleister: schnell, flexibel, analytisch. Und: ruhelos, immer auf der Suche. Ein moderner Nomade, der sich auf der Autobahn am wohlsten fühlt. Den Stress, das ständige Gefordertsein erlebt er intensiv. Nur selten erlaubt er sich "kleine Fluchten", wie er es nennt, und hängt nach einem Termin mal einen Tag im Harz dran und mal einen in Fehmarn. Zum Luftholen. Aber entspannen kann er am besten auf der Straße, auf dem Weg zwischen zwei Terminen. Die Mono-tonie versetzt ihn beinahe in Trance, die Gedanken fließen, die Landschaft rast an ihm vorbei.
Der nächste Termin ist ein Besprechungstermin in der Landesversicherungsanstalt Rhein-provinz. Herr Vehling, Chef der Abteilung "Organisation und Informationsverarbeitung" kann sich zwei Fragen nicht verkneifen: "Ist das nicht manchmal einsam im Wohnwagen?" Conny antwortet nur: "Ich habe einen Netzwerkanschluß im Auto, Internet, Telefon, Fax. Ich habe überallhin Kontakte." Herr Vehling meinte etwas anderes. Conny möchte das Thema lieber aussparen. Herr Vehlings zweite Frage: "und, wenn Sie erlauben – wie machen Sie das denn mit der Wäsche?" ist Conny angenehmer. "Wozu gibt es Waschsalons? Da trifft man immer nette Leute."
Conny hat sich mehr als arrangiert mit seinem Leben ohne festen Wohnsitz. Es ist seinem Lebensideal am nächsten. So fühlt er sich frei, ungebunden. Er ist kaum irgendwo länger als 3, 4 Tage: "Ne Wohnung lohnt sich da gar nicht." Nach dem Meldegesetz ist es nicht möglich, sich auf sein Auto anzumelden. Ein so starres System ärgert Conny. Noch ist er in der Wohnung seiner ehemaligen Frau gemeldet, bekommt seine Post über einen Nachsendeauftrag. Aber das Amt könnte das jederzeit aufheben. Das ist ihm schon einmal passiert. Erfahren hat er das nur durch Zufall, weil gerade sein Personalausweis abgelaufen war. In der Zeit hat ihn, den Weitvernetzten, die Post nicht erreicht, auch nicht die Rechnungen für die Haftpflichtversicherung seines Wohnmobils... Conny: "Das gab ne Menge Ärger, bis das wieder in Ordnung war." Ein Postfach will er aus Prinzip nicht haben. Am liebsten würde er sich einen eigenen Personalausweis drucken lassen mit dem Vermerk "Weltbürger". Oder tatsächlich auswandern. Nach England, zu der Freundin, die er nur sehr selten sieht und mit der er eigentlich nur virtuell Kontakt hat. Oder ein Jobangebot annehmen und für ein deutsches Unternehmen in Indien arbeiten. Mit dem Wohnmobil, dem "inneren seiner Seele", nach Indien runterfahren.
Bis sich einer dieser Pläne realisiert: der Pizza-Bringdienst hat mit dem Fehlen einer festen Adresse keine Probleme. Auf den Rechnungen steht einfach: "Straße, Parkplatz, Wohnmobil".
Astrid Reinberger
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