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Francofortesi heute – Frankfurter oggi

Vor 50 Jahren kamen die ersten italienischen "Gastarbeiter" nach Frankfurt. Es war eine Arbeitsmigration mit unerwarteten Konsequenzen. Der Fotograf Gunter Klötzer porträtiert zwölf Lebenswege von Italienerinnen und Italienern in Frankfurt.

 

 

Vorwort

Von Dr, Jan Gerchow

Direktor des Historischen Museums Frankfurt am Main


Das Abkommen vom 20. Dezember 1955 zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Italien war hierzulande der Auftakt für die systematische Anwerbung von Arbeitsmigranten nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Ausstellung Francofortesi oggi gedenkt dieses Anfangs – der für Frankfurt eigentlich nur die Fortsetzung einer schon Jahrhunderte vorher einsetzenden Ansiedlung italienischer Familien in Frankfurt bedeutete: denken wir nur an die Brentanos und Bolongaros.

Die Zahlen waren jetzt freilich höher. In den fünfzig Jahren seit 1955 / 1956 kamen vier Millionen Arbeiterinnen und Arbeiter aus Italien nach Westdeutschland, nach Frankfurt davon einige Zehntausend. Die Dynamik dieser Bewegung lässt sich daran ablesen, dass heute noch circa 600.000 Italiener in Deutschland leben: Nur zwanzig Prozent der Immigranten sind geblieben, während achtzig Prozent zurück migriert sind.

Viele von den "Da-bleibern" aus Italien behielten und behalten die italienische Staatsbürgerschaft. Eine Minderheit ist deutscher Staatsbürger geworden, und sie ist oft genug nur am Namen zu erkennen, wie die Hugenotten. Die Italiener gelten wegen ihrer weitgehend gelungenen Integration als "Erste-Klasse-Ausländer", auch wegen der vielen Selbstständigen, die nach dem Anwerbestopp von 1973 in der Gastronomie und anderen Bereichen erfolgreiche (Familien-)Unternehmen gründeten.

Andere Länder folgten: Entsendeabkommen gab es nach 1955 auch mit Spanien, Griechenland, der Türkei, Marokko, Portugal, Tunesien, Jugoslawien, Südkorea. Im Ergebnis sind bis zum Anwerbestopp etwa vierzehn Millionen Arbeitsmigranten in die Bundesrepublik gekommen, von denen elf Millionen wieder zurückgingen.

Unsere Ausstellung steht im Kontext der Dauerausstellung im Historischen Museum: Von Fremden zu Frankfurtern. Diese Präsentation von 2004 ist
einer Besonderheit der Frankfurter Stadtgeschichte gewidmet: der seit dem Mittelalter nachweisbaren, markanten und einflussreichen Einwanderung Ortsund Landesfremder, ohne die Frankfurt nicht zu einer Metropole europäischen Zuschnitts geworden wäre, einem Zentrum für Handel, Banken, Kunst und Literatur, Forschung und Intelligenz. Und der Raum dieser Ausstellung verfügt seit dem Herbst 2005 über eine Galerie, in der Sonderausstellungen gezeigt werden können, die einzelne Aspekte der Migrationsgeschichte beleuchten.

Ich habe deshalb gerne die Initiative von Marina Demaria und Paola Fabbri Lipsch vom Coordinamento Donne Italiane di Francoforte aufgegriffen, eine Ausstellung anlässlich des fünfzigjährigen Jubiläums der staatlichen Anwerbung zu organisieren. Mit drei so professionell arbeitenden Partnern wie Frau Demaria, Frau Fabbri Lipsch sowie dem Fotografen Gunter Klötzer war die Zusammenarbeit nicht nur ein Vergnügen, sondern auch ein Gewinn – mit bleibenden Folgen: Wir können unsere junge Migrations-Sammlung nun um zwölf Porträts und Interviews bereichern.

Die Realisierung dieses Projekts war nur möglich dank großzügiger Unterstützung durch die Frankfurter Niederlassung des Monte dei Paschi di Siena, durch das italienische Generalkonsulat in Frankfurt am Main und sein Istituto Italiano di Cultura, durch Herrn Pasquale Settembre von Vesta-Immobilien, sowie durch das Amt für multikulturelle Angelegenheiten und das Dezernat für Kultur und Freizeit der Stadt Frankfurt am Main. Ich danke allen Förderern ganz herzlich für ihr Engagement! Und dem Museum der Weltkulturen gilt unser Dank für die gute, fortgesetzte Kooperation.

 

 

Einführung

Von Marina Demaria
Coordinamento Donne Italiane di Francoforte


Die Idee, eine Ausstellung zu konzipieren, die das Leben der Italienerinnen und Italiener in Frankfurt in den letzten Jahrzehnten dokumentiert, findet seinen Ursprung im Coordinamento Donne. Dieser Verein hat das Ziel, die Teilnahme der Frankfurterinnen mit italienischem Migrationshintergrund am sozialen, kulturellen und politischen Leben der Stadt zu fördern. Er vernetzt italienische Frauen unterschiedlicher Generationen – untereinander und mit Frauen anderer Herkunft; er gibt ihnen die Möglichkeit, Informationen und Kompetenzen auszutauschen; schließlich unterstützt er Initiativen zur Gleichstellung, und er arbeitet mit italienischen und mit deutschen Institutionen zusammen.

Am 20. Dezember 1955 unterzeichneten Italien und Deutschland einen Staatsvertrag über die Anwerbung italienischer Arbeitskräfte nach Deutschland. In der Folge kamen Hunderttausende von Italienern nach Deutschland, die so genannten Gastarbeiter. Erst kamen die Männer allein, nach einigen Jahren dann zogen die Frauen mit den Kindern nach.

Im Jahr 2005 wurde vielerorts der 50. Jahrestag dieses Vertrags begangen. Aus diesem Anlass hat der Coordinamento Donne eine Reihe von Initiativen organisiert, die an die kollektive Geschichte der Italiener und Italienerinnen in Deutschland und in Frankfurt erinnern.

Die Ausstellung Francofortesi heute / Frankfurter oggi. Italienisch-deutsche Lebenswege zeigt exemplarische Lebensläufe, die uns allen, Deutschen
und Nichtdeutschen, reale Hoffnung auf das Gelingen einer gemeinsamen Zukunft in Deutschland und Europa machen können. Die Ausstellung zeigt, dass Integration möglich ist, und sie ermutigt dazu, dieses Bestreben weiter zu verfolgen.

Stellvertretend für alle hier in Frankfurt lebenden Migrantinnen und Migranten möchten wir Italienerinnen und Italiener mit dieser Fotoausstellung ein Zeichen dafür setzen, dass wir zu dieser Stadt gehören und dass diese Stadt ohne uns nicht mehr zu denken wäre. "Noi tutti siamo Francofortesi" – wir alle sind Frankfurter.

Die Ausstellung ist dank der Förderung durch viele Menschen, die uns mit Begeisterung unterstützt und begleitet haben, realisiert worden. Allen jenen Menschen bin ich dafür unendlich dankbar. Ich möchte mich im Namen des Coordinamento Donne insbesondere bei dem Kulturdezernenten der Stadt Frankfurt, Herrn Dr. Hans-Bernhard Nordhoff, bedanken. Er ließ sich vom Enthusiasmus und Engagement der italienischen Frankfurterinnen bereitwillig anstecken und förderte die Ausstellung maßgeblich.

 

 

Die Ausstellung: Biografie und Fotografie
Von Paola Fabbri Lipsch

Die Rede von fünfzig Jahren italienischer Arbeitsmigration suggeriert eine Eindeutigkeit und Einförmigkeit, die es in Wirklichkeit so nicht gibt. Das geläufige Bild vom einfachen Gastarbeiter aus Süditalien mit einem zerschlissenen Koffer erzählt einen großen und wichtigen Teil, aber eben nicht die ganze Geschichte der Arbeitsmigration nach Frankfurt seit 1955. Am Anfang kamen tatsächlich vor allem junge, nicht oder wenig qualifizierte Männer. Mit ihnen machten sich aber schon in den sechziger und siebziger Jahren auch Frauen, Kinder, manche Ärzte, Intellektuelle, Lehrer oder Banker auf den Weg von Italien nach Frankfurt. Vielfältig war die Arbeitsmigration also durchaus von Anfang an - und in Frankfurt in besonderem Maße. Dabei haben die Erfahrungen in einer internationaler werdenden Stadt die Lebenswege von Migrantinnen und Migranten mit geformt. Umgekehrt haben die Zugezogenen mit ihren individuellen Lebensgeschichten die Geschichte Frankfurts, ihre Gestalt und das Konzept eines "Frankfurters" nachhaltig verändert.

Heute versteht sich Frankfurt wie nur wenige andere deutsche Städte als internationale Metropole, in der 15.000 Italienerinnen und Italiener – neben vielen anderen Migrantinnen und Migranten – zu Hause sind.

Gastarbeiter sind sie alle schon lange nicht mehr. Aus Gästen sind Frankfurter geworden, und übrigens freundliche und aufgeschlossene Gastgeber für eine Journalistin, die gerne mehr über ihre Wege nach und in Frankfurt erfahren möchte und einen Fotografen, der die Spuren dieser Lebenswege in aktuellen Porträts sichtbar machen will.

Die so entstandenen Porträts und Interviews, die hier zu sehen, nachzulesen und zu hören sind, erzählen von der Vielfalt der italienischen Arbeitsmigration nach Frankfurt. Sie machen deutlich, dass es die Migrationsbiografie nicht gibt, dass Lebenswege auch in der Migration so vielfältig bleiben wie die Verarbeitung von Migrationserfahrungen und die Integrationsstrategien und -konzepte, die Migrantinnen und Migranten mitbringen und weiterentwickeln. Dabei erheben selbstverständlich auch diese Gesprächsmitschnitte nicht den Anspruch, die Vielfalt der italienisch-deutschen Lebenswege erschöpfend dazustellen. Zwölf Interviews, die nicht das Ergebnis eines Forschungs-

projektes, sondern ausführlicher Gespräche sind und hier nur in Ausschnitten wiedergegeben werden, können nicht repräsentativ sein, bestenfalls exemplarisch. Sie verstehen sich eher als Anregung und Ermutigung, sich auf die Vielfalt von Migrationsbiografien einzulassen. Sie wollen Neugierde auf weitere und andere erzählte Lebenswege wecken. In Frankfurt fällt es heute nicht schwer, noch viele und ganz andere zu finden: Italienisch-deutsche und viele andere binationale Wege, ein Frankfurter, ein Francofortese zu werden.

Alle hier Erzählenden verstehen sich selber nicht mehr als Gäste, sondern als Heimischgewordene –mit allen Brüchen, Fragen und Sehnsüchten, die dazu gehören. Und einige von ihnen sind auch keine Arbeiter mehr, sondern mittlerweile Rentner, die sich hier erinnern. Alle blicken zurück auf ein bewegtes Leben und versuchen, sich und uns nachvollziehbar zu machen, was es heißt, einen italienisch-deutschen Lebensweg zurückgelegt zu haben.

Deutlich wird dabei, dass die Geschichte der italienischen Arbeitsmigration nach Frankfurt aus einer Mehrzahl von Geschichten besteht. In manchem ähneln sie sich – bestimmte Erfahrungen scheinen tatsächlich exemplarisch zu sein –, in vielem unterscheiden sie sich. Beides ist in dieser Ausstellung zu entdecken.

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